Ansprache von Christian Duwe, Ortsbeiratsvorsitzender, Keitumer Biike 2000

Heute am 21. Februar 2000 darf ich dir alte Tradition fortsetzen und Sie alle, Keitumer und Ihre Gäste, Erwachsene und vor allem die Kinder und Jugendlichen ganz herzlich begrüßen und willkommen heißen. Ich freue mich, daß das Biikebrennen wieder Menschen in Bewegung setzt und in allen Inselorten zusammenkommen läßt.

Wenn heute am 21 Februar 2000 die Biiken von den Hügeln der Nordfriesischen Inseln die Nacht erleuchten, so sind sie das sichtbare Zeichen einer Tradition. Einer der wirklich noch lebendigen jahrhunderte alten Volksbräuche in Nordfriesland, auf Sylt, hier in Keitum, dessen Bedeutung sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat und vielleicht gerade deshalb lebendig geblieben ist. Lebendige Tradition zeichnet sich dadurch aus, daß es immer wieder Menschen gibt, die nicht nur Zuschauer sind, sondern sich aktiv in die Dorfgemeinschaft einbringen. Die ersten Erfahrungen machen die Konfirmanden und die Jungen und Mädchen der Jugendfeuerwehr, wenn sie etwas für ihr Dorf tun - unterstützt und angeleitet von Vätern und Müttern, Lehrer und Pastor. Und Jan, wenn er den Bauwagen zur Verfügung stellt.

Wer sich heute hier am Biikefeuer versammelt hat, ist Teil einer Gemeinschaft - Gäste und Einheimische - die spüren, daß der Mensch den Kräften der Natur, der Kraft des Feuers, der gewaltigen Stürme und des Wassers nichts entgegenzusetzen hat. Mit gewissem staunenden Schauer erleben wir das alles verzehrende Feuer, die landnehmende Sturmflut oder den alles niederwalzenden Sturm - wie kürzlich "Anatol" - ich brauche hier nicht besonders zu betonen, wie gerade wir Sylter um Schutz kämpfen und auf Solidarität angewiesen sind - Solidarität meint doch das Zusammengehörigkeitsgefühl, den Gemeinsinn und die wechselseitige Verbundenheit einer Gemeinschaft.

Biikebrennen - das ist Brauchtum und Tradition. Tradition heißt Bewahrung und nicht verändern. Wir aber leben in einer modernen Zeit, die von Fortschritt bestimmt wird - von rasanten Entwicklungen auf allen Gebieten. Zwischen diesen Begriffen - Tradition und Brauchtum einerseits und Fortschritt auf der anderen Seite ergibt sich ein Spannungsfeld, das die Menschen gerade hier in Keitum immer stärker spüren. Während über Jahrhunderte bäuerliche Kultur und Brauchtum das Maß der Dinge bestimmen, erleben wir jetzt, wie schnell sich auch die dörfliche Welt wandelt. Und mancher, der sich Jahre oder Jahrzehnte geborgen und zuhause fühlte, fragt nun, wohin und wieweit die Veränderung unseres Dorfes denn noch gehen wird.

Dabei sind wir es stets, die unsere Umwelt gestalten. Den anonymen "Fortschritt", der alles verändert, ohne, daß wir etwas dagegen tun oder die Richtung bestimmen können, den gibt es in Wahrheit nicht. Wir leben in einer Zeit, in der Dorfentwicklung und Fortschritt mit wirtschaftlichem Fortschritt gleichgesetzt [wird]. Entwicklung meint heute oft die wirtschaftliche Entwicklung - sie können es an den im Bau befindlichen Läden, besonders am Gurtstig sehen.

Wer aber innerhält, würde feststellen, daß der wahre Fortschritt - das was der Mensch und ein Dorf wirklich brauchen, auf ganz anderen Gebieten liegt. Lebensraum ist ja gar nicht nur wirtschaftlicher Lebensraum, sondern bedeutet Heimat, Nachbarschaft, menschliche Nähe, Freundschaften und Kultur. Auf unsere Ost-Dörfer bezogen und besonders für Keitum möchte ich sagen, daß wir innehalten sollten, um zu betrachten, wohin die Entwicklung geht. Wir sollten den drängenden wirtschaftlichen Fortschritt nicht mit dem verwechseln, was wir - Gäste und Einheimische - in unseren Dörfern wirklich brauchen. Das über so lange Zeit gepflegte Biikebrennen erinnert uns, der schnellebigen und modernen Zeit alte Werte neu entgegenzusetzen.

Zum Schluß möchte ich allen danke, die mitgeholfen haben, dieses Fest zu gestalten - ich danke insbesondere den Jugendlichen und der Keitumer Feuerwehr für Sicherheit und Feuerwache, der Medelbyer Feuerwehrskapelle für ihre musikalische Begleitung - sie sind gleich auch noch im Friesensaal für die gute Stimmung zuständig - ich bedanke mich bei den Gemeindearbeitern für ihren Einsatz beim Aufschichten und Herrichten des Platzes. Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Biikeabend und guten Appetit beim traditionellen Grünkohlessen. Jetzt singen wir gemeinsam mit Unterstützung der Feuerwehrskapelle "Üs Sölring Lön"