Ansprache von Christian Duwe, Keitumer Biike 2001

Liebe Keitumer, liebe Sylter, verehrte Gäste und Freunde der Insel Sylt.

Das Bild von Menschen, die sich am Feuer wärmen, führt zu den Anfängen unserer Zivilisation.

Die Kultur beginnt sozusagen mit der Beherrschung des Feuers - Feuer ist nicht nur eine zerstörerische Bedrohung für Hab und Gut, sondern das Sinnbild für Energie und Leben.

Wer mit anderen Menschen am Feuer steht, spürt Geborgenheit und Wärme. Das ist auch unser Empfinden an dieser schönen Biike - Für die Menschen Nordfrieslands und für und Slyter hat das Biikefeuer darüberhinaus die Bedeutung lebendiger Tradition. Es erinnert uns an Zeiten, in denen der Lebensunterhalt der Natur durch Ackerbau oder Fischfang abgetrotzt werden mußte. Das Dorf verabschiedete die für Monate zur See fahrenden Männer mit einem großen, noch lange und weithin sichtbaren Feuer. Wenn wir diesen Ursprung bedenken, gewinnt die Biike ein besonderes Gewicht als Symbol dörflicher Gemeinschaft und Kultur.

Heute ist die Biike ein Fest von Gästen und Einheimischen. Unser gemeinsames Hier- und Zusammensein verdeutlicht, daß Ackerbau und Seefahrt nicht mehr das dörfliche Leben und seine Kultur bestimmen. An ihre Stelle ist der Fremdenverker getreten - mit allen Bemühen, liebe Gäste und Freunde der Insel Sylt, es Ihnen hier so schön wie möglich zu machen und Ihnen danken wir, daß Sie heute mit uns feiern.

Während die Biike als Feuer bleibt, haben sich die Zeiten gewandelt. Und doch merken wir es immer wieder, daß das, was uns nach Sylt und Keitum zieht, uns an dieser Insel bindet und zum Verweilen veranlaßt, oft gerade der Hauch vergangener Zeiten ist, der hier und da noch spürbar zu uns herüberweht: die alten Häuser mit den niedrigen Räumen, die Dorfschule, die Kirche, das Gespräch im Vorgarten und heute das anschließende Grünkohlessen.

Trotz alles Behauptungen und Untersuchungen der Tourismusexperten sind es eben nicht allein der Service oder die verschiedenen Freizeitmöglichkeiten, die Sylt und seine Ostdörfer ausmachen. Es ist die dörfliche Kultur an sich, das lebendige Miteinander in einer überschaubaren, von Kontinuität und Wandel gleichermaßen geprägten Gemeinschaft, die Leib und Seele Erholung bringt und den Menschen verzaubert.

Das Dorf gibt und Raum zum Innehalten und Mensch-sein-dürfen in einer zunehmend von Rastlosigkeit und Umbruch geprägten Welt. Dörfliche Kultur ist ein kostbares Gut, das wir pflegen und bewahren müssen. "Ist sie einmal entzwei - ist's für immer vorbei" - singt Udo Lindenberg und meint die Liebe; aber für unser Dorf gilt das noch viel mehr! Wenn aus ihm nur noch eine Ansammlung von Häusern geworden ist, gibt es kein Zurück mehr. Auch die alljährliche Biike würde dann nicht mehr helfen!

Damit das Dorf lebt, müssen wir uns beschränken um Lebensraum für Mensch und Miteinander zu erhalten. Wer die Meßlatte großstädtischer Gedanken und kommerzieller Entscheidungen an unser Dorf anlegt, wird es beschädigen oder sogar zerstören. Was wir wirklich brauchen, sind Wärme und Miteinander, so wie hier am Biikefeuer!

Seien wir froh und gelassen, denn: die Vergangenheit ist Geschichte, die Zukunft ist Geheimnis, aber dieser Ausgenblick ist ein Geschenk!

In diesem Sinne danke ich allen, die mitgeholfen haben, dieses Fest zu gestalten - insbesondere der Keitumer Feuerwehr und ihren Kollegen aus Medelby für die musikalische Begleitung.

Jetzt singen wir gemeinsam unsere Sylter Nationalhymne - "Üüs Söl'ring Lön" - ich danke Ihnen und wünsche guten Appetit beim Grünkohlessen.