Ansprache von Bürgermeister Ingbert Liebing, Tinnumer Biike 2003

Es ist wieder Biikel Die Feuer lodern, die Menschen kommen zusammen - die Menschen aus dem Dorf, diejenigen, die es von Sylt in die Welt verschlagen hat, kehren zu diesem Ereignis zurück. Und viele Gäste aus allen Teilen Deutschlands sind versammelt, um dieses Stück Tradition mitzuerleben und mitzugestalten. Biike ist Tradition. Biike ist Heimatbewusstsein.

Und das, obwohl auch die Biike vielfachen Wandel über die Jahrhunderte erfahren hat: Vorchristliche Opferfeuer, Abschied des Winters, Abschied der Sylter Kapitäne, die auf See hinaus fuhren. Thing, der Gerichtstag. Und es gab Zeiten, in denen die Feuer zum 2 1. Februar als heidnische Fastnachtsfeuer verboten wurden. Das ist erst dreihundert Jahre her. Wandel der Zeiten, und doch Tradition - was ein Widerspruch sein mag, ist es meiner Auffassung nach gerade nicht. Eine Tradition, die nur um der Tradition, um sich selber willen versucht wird aufrecht zu erhalten, ohne Bezug zur Gegenwart, wird verkommen. Das Interesse der Menschen an solchen Traditionen- vergeht. Der Sinn der Tradition, und der Sinn, daran festzuhalten, auch für die Zukunft, muß sich erschließen. Deshalb ist es wichtig, dass auch Traditionen den Bezug zur Gegenwart anerkennen.

Das ist bei der Biike der Fall. Sie wandelt sich. Auch in den jüngsten Jahren. Es ist nicht viele Jahre her, da wurde noch auf unserer Insel heftig darüber diskutiert, ob die Biike ein "Event" sein könne, das man touristisch bewerben dürfe. Oder ob es nicht vielmehr ein Fest der Einheimischen sei. Diese Frage stellt sich heute nicht mehr. Kein Prospekt einer Kurverwaltung, der SMG oder private Sylt-Magazine kommen an der Biike vorbei. Die Menschen selbst haben die Biike entdeckt und sie zu einem "Event" gemacht. Weil die Menschen sich den Traditionen zuwenden und gerade Tage wie diesen nutzen, sich der Traditionen, der eigenen Herkunft zu erinnern. Dieses Bedürfnis der Menschen, Halt zu finden in Traditionen, ist in den vergangenen Jahren gewachsen.

Wir leben in einer Zeit der Globalisierung. Firmen schließen sich zu weltumspannenden Konzernen zusammen. Das Internet schafft einfachste Kommunikation binnen Sekunden rund um den Globus. Und unsere Urlaubsziele liegen ebenso rund um den ganzen Globus. Rund um uns herum verändert sich die Welt. Aber auch die Gefährdungen unseres Friedens und der Freiheit sind weltumfassend und unberechenbarer geworden. Europa wächst zusammen und wird größer.

Und auch in Deutschland finden die Diskussionen über die Strukturen, in denen wir leben und arbeiten, statt: Die Zahl der 16 Bundesländer wird in Frage gestellt. In Schleswig-Holstein wird über Kreis zusammenlegungen, Verwaltungsstrukturreformen und Gebietsreformen diskutiert. Unsere Nachbarn in Dänemark beraten über die Zusammenfassung der ohnehin schon für unsere Verhältnisse großen Amtskommunen zu einigen wenigen Provinzen. Diese Entwicklung geht auch an Sylt nicht spurlos vorüber: "Politik und Verwaltung" ist das Schlagwort, unter dem jetzt in allen sieben Kommunen unserer Insel die Strukturen von Verwaltung und Politik auf den Prüfstand gestellt werden: Wo sind wir gut, wo können wir besser werden, wie können wir besser werden. Dies gilt es zu untersuchen, aber bitte schön erst analysieren, dann entscheiden. Nicht umgekehrt.

Bei dieser Diskussion dürfen wir aber eins nicht vergessen: Es geht um die politischen Strukturen, es geht um die Strukturen der Verwaltungen. Sicherlich auch um die Strukturen der Kurverwaltungen, der öffentlichen touristischen Betriebe. Aber es geht nicht darum, jetzt alle Lebensbereiche der Insel über einen Leisten zu schlagen und zu vereinheitlichen.

Ich sage immer: Laßt die Kirche im Dorf Und lasst den Kindergarten, lasst die Schule, und lasst die Feuerwehr im Dorf Egal, wie die Sylter Landkarte in zwei oder in zehn Jahren aussieht: Tinnum bleibt Tinnum, Morsum bleibt Morsum, und Kampen wird auch Kampen bleiben.

Die große Aufgabe unserer Dörfer, des Gemeinschaftslebens im Dorf, ist es, den Menschen Heimat zu geben. Gerade dann, wenn sich die Welt verändert. Wenn rund um uns herum Maßstäbe und Bezüge im Wandel begriffen sind. Gerade dann ist es wichtig, dass die Menschen wissen, wo sie zu hause sind, wo sie hingehören, wo Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit und wo Geborgenheit liegen - das ist es, was nach meinem Verständnis Heimat ist. Sich dies bewusst zu machen, auch für die kommenden Diskussionen auf unserer Insel in Erinnerung zu behalten, kann ein Sinn der heutigen Biike sein: In der Verbindung von Tradition und Moderne. In diesem Sinne möge die Biike ein Hort der Begegnung und Gemeinschaft, und ein Ort der Besinnung und Bewusstseinsbildung sein. Und ich wünschen Ihnen allen, die Sie hier wohnen und als Gäste zu uns gekommen sind, ein fröhliches Erleben der Biike 2003.