Ansprache von Petra Reiber (mit Ole Johannsen), Westerländer Biike 2004

Liebe Sylter, liebe Gäste,

ich begrüße Sie an der Westerländer Biike, dem Feuer, das in der Zeit der Germanen als Opfer den heidnischen Sturm und Wettergott Wodan gnädig stimmen sollte, damit der Frühling bald kommen möge.

Mit der Biike endet für die Sylter die dunkle Jahreszeit und alle bereiten sich auf die bevorstehende Saison vor. Wer die Geschichten über die alten Sylter Walfänger kennt, der kann sich am heutigen Abend gut vorstellen, wie die Grönland-fahrer im 17. und 18. Jahrhundert mit diesem großen Feuer von ihren Frauen vor der Einschiffung in das nördliche Eismeer verabschiedet wurden. Heim und Herd waren das Reich der Frauen und wenn die Männer nach einem langen Winter in häuslicher Umgebung vor lauter Abenteuerlust unruhig wurden, waren die Sylterinnen erleichtert, wenn die Seefahrt die Männer holte, bevor sie ihren Frauen auf die Nerven gingen.

Heute ermahnt uns das Feuer an die Erhaltung und den Schutz unserer Heimat, die nicht nur von außen durch Sturmfluten und Naturkatastrophen bedroht wird, sondern auch von innen durch knappe Finanzen, durch Kürzungen von Kreis- und Landes-mitteln sowie der Uneinigkeit unter den Sylter Kommunen.

Seit Jahrzehnten wird immer wieder die insulare Gemeinschaft beschworen. Seit einem Jahr geht eine Bewegung durch die Bevölkerung, die angetrieben wird von dem Wunsch nach Veränderung in den politischen und verwaltungstechnischen Strukturen. Ein Großteil der Insulaner wünscht sich eine Großgemeinde mit einer Verwaltung und nicht mehr 7 Gemeinden mit zwei Verwaltungen.

Und wieder gibt es auch in dieser Frage unter den Sylter Gemeinden keine Einigkeit. Kirchturmdenken und die Angst vor Veränderungen drohen eine große Chance zu verhindern. Die Chance der insularen Einheit, die Chance kurzer und effektiverer Entscheidungswege, die Chance einer schlanken Verwaltung, die Chance eines einheitlichen Gastgeberverzeichnisses und einer einheitlichen Kurabgabe, die Chance einer gemeinsamen Außendarstellung und die Chance Verwaltungskosten in beträchtlicher Höhe einzusparen. Mittel, die sinnvoller im Tourismus und Landschaftsschutz ausgegeben werden könnten.

Seit Jahren müssen wir uns mit weniger Zuweisungen aus der Landes- und Kreiskasse abfinden. Wir können uns auf Land und Kreis nicht mehr verlassen. Deshalb müssen wir uns selber helfen, indem wir neue, zukunftsfähige Strukturen aufbauen. Das geht aber nur, wenn wir bereit sind, Gemeinde- und Stadtgrenzen abzubauen.

Meine Damen und Herren, als wir gemeinsam zur Biike marschiert sind, haben junge Burschen der Jugendfeuerwehr Westerland uns begleitet und aufgepasst, dass die brennenden Fackeln keinen Schaden anrichten. Unsere Jugendfeuerwehr soll frühzeitig lernen mit Gefahrensituationen und mit dem Feuer verantwortungsvoll umzugehen. Der Westerländer Feuerwehr obliegt es die Biike zu entzünden und zu überwachen. Was liegt dann näher als einen jungen Nachwuchsfeuerwehrmann, wie den Ole Johannsen zu bitten, uns ein Gedicht über das Feuer von James Krüss vorzutragen.

Das Feuer

Hörst Du, wie die Flammen flüstern,
knicken, knacken, krachen, knistern,
wie das Feuer rauscht und saust,
brodelt, brutzelt, brennt und braust?

Siehst Du, wie die Flammen lecken,
züngeln und die Zunge blecken,
wie das Feuer tanzt und zuckt,
trockne Hölzer schlingt und schluckt?

Riechst Du, wie die Flammen rauchen,
brenzlig, brutzlig, brandig schmauchen,
wie das Feuer, rot und schwarz,
duftet, schmeckt nach Pech und Harz?

Fühlst Du, wie die Flammen schwärmen,
Glut aushauchen, wohlig wärmen,
wie das Feuer flackrig-wild,
Dich in warme Wellen hüllt?

Hörst Du, wie es leiser knackt,
siehst Du, wie es matter flackt?
Riechst Du, wie der Rauch verzieht?
Fühlst Du, wie die Wärme flieht?

Kleiner wird der Feuersbraus:
Ein letztes knistern,
ein feines flüstern,
ein schwaches züngeln,
ein dünnes ringeln,
aus.

Ich wünsche Ihnen einen gemütlichen Abend bei Kasseler und Grünkohl und morgen einen schönen Petritag mit Musik und Tanz.