Ansprache von Harro Johannsen, Norddörfer Biike 2004

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger der Norddörfergemeinden,
liebe Kinder, verehrte Freunde und Gäste der Insel,

im Namen der Gemeinden Kampen und Wenningstedt-Braderup darf ich Sie alle sehr herzlich willkommen heißen. Ich freue mich sehr, dass auch in diesem Jahr wieder so viele den Weg zu unserer gemeinsamen Biikefeier gefunden haben. Der 21. Februar - kein Tag wie jeder andere.

Wie schon seit vielen Generationen haben wir uns heute an dem Biikefeuer versammelt und folgen damit einer uralten Tradition.

Das Biikebrennen - ein Stück lebendiges Brauchtum, dessen Bedeutung sich im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewandelt hat. Die Ursprünge des Feuerrituals liegen in grauer Vorzeit. Der nordfriesische Feuerkult sollte nicht nur den Winter vertreiben. Als damaliges Opferfeuer an den Gott Wodan die Hoffnung auf gutes Wetter, bessere Erträge auf den Feldern, Sieg über die Feinde, symbolisiert die Biike das Selbstbewusstsein und den Stolz der Sylter auf ihre Heimat.

Vor 200 Jahren, als die Sylter noch vom Walfang lebten, war die Biike das Abschiedsfest für die Seemänner, die Ende Februar die Insel zum Walfang verließen.

In der heutigen Zeit feiern wir mit dem Biikefeuer die Vertreibung des Winters und Begrüßung des nahenden Frühlings. Aus der Tradition heraus wird an die Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft der Sylter Friesen erinnert und an den Erhalt ihrer Heimat und Gebräuche.

Der Pidders-dai am morgigen Tag, wie man den Petritag auf friesisch nennt, wurde zum Abschiedsfest der ausfahrenden Männer, für die es oft ein Abschied für immer war.

Der Petritag ist für uns ein so wichtiger Feiertag, dass die Kinder schulfrei bekommen und getanzt werden darf in der Freude mit dem Biikefeuer den Winter vertrieben zu haben.

Die Biike ist für Syltgeborene, die heute in der Fremde leben, Anlass an die Heimat und an die Jugendzeit dort zu denken und wenn irgend möglich in diesen Tagen auf der Insel und bei ihren Familien zu sein.

Das Biikebrennen und das was damit zusammenhängt nimmt im Bewusstsein der Bürger so einen wichtigen Platz ein.

Es ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, Einheimische, Gäste und Freunde der Insel, welcher in dieser Zusammensetzung wohl einmalig ist.

Vielleicht ist auch gerade die Tatsache, dass die Fackeln entlang der Küste ein starkes Gefühl des Für- und Miteinander entfachen ein Grund dafür, dass Jahr für Jahr immer mehr Gäste zu den Biiken kommen.

Ein Zeichen also dafür, dass die Sehnsucht der meisten Menschen nach einem harmonischen und friedlichen Miteinander groß ist.

Diejenigen die ständig hier leben, können mit Recht stolz sein auf ihre Insel.

Es muss daher unser aller Ziel sein, dass unsere Natur, unser Lebensraum, unsere Landschaft in ihrer natürlichen Vielfalt sowie die heutige Inselsubstanz gesichert wird und zwar ohne Einschränkungen.

Vergleichen wir die jetzige Größe der Insel mit dem Ausmaß von vor einigen Jahren bzw. Jahrzehnten wird jedem von uns hierbei bewusst, dass der Schutz der Insel für uns von größter Bedeutung ist.

Wir alle leben mit und profitieren von der Natur und ihren Schönheiten. Den größten Stürmen und Sandverlusten müssen wir uns daher gemeinsam stellen. Der Kampf der Insel mit dem Blanken Hans geht daher unvermindert weiter.

Die Werte der Tradition beinhalten nicht nur Heimatbewusstsein, Heimatpflege, Pflege des Erbes unserer Vorfahren, sondern zusätzlich Erhalt und Bestand unserer Insel.

Deshalb müssen wir auch die entsprechenden Rahmen-bedingungen schaffen.

Einige Sylter haben Arbeit woanders gefunden, andere wiederum arbeiten auf der Insel und wohnen auf dem Festland, da sie auf Sylt weder bezahlbaren Wohnraum noch Baugrundstücke finden können. Eine der wichtigsten Aufgaben der Kommunen ist daher auch bezahlbaren Wohnraum anzubieten.

Heute geht es an der Biike darum, nicht nur zur Pflege des Brauchtums und der Wahrung der Sprache aufzurufen, sondern an dieser Stelle auch an die Einigkeit aller Sylter Gemeinden zu appellieren. Stets war und ist die Biike ein Forum auf die insulare Eigenständigkeit hinzuweisen und Versuchen der Fremdbestimmung zu trotzen. Falls notwendig, diese auch energisch einzufordern. Mir scheint, dass dies heute angesichts der aktuellen Diskussion im Hinblick auf eine Fusion aller Sylter Gemeinden zu einer Gemeinde aus Sicht der Norddörfer notwendig ist. Die Sylter zeichneten sich seit jeher durch einen ausgewogenen Blick auf die Realität aus und sie waren und sind stets in der Lage, ihre Belange selber zu regeln und brauchen hierzu keine klugen Ratschläge von Außenstehenden.

Ein Thema das viele bewegt ist hierzu die Frage über neue Strukturen von Politik und Verwaltung bis hin zu einer Fusion aller Gemeinden. Die Bürgerbefragungen im Dezember 2003 haben in Kampen und Wenningstedt-Braderup ein eindeutiges Votum gegen eine Fusion ergeben, da aus Sicht der Norddörfer für die Bevölkerung und die Entwicklung der Orte erhebliche Nachteile zu erwarten sind. Bei den zeitgleichen Abstimmungen im Januar 2004 auf der Insel Sylt haben sich mehrheitlich nicht nur die Norddörfergemeinden gegen eine Vereinigung ausgesprochen, dennoch nimmt die Diskussion in Richtung Fusion kein Ende. Insbesondere wird vor übereilten Entscheidungen gewarnt nach der die Dörfer ihre politische, finanzielle und planungsrechtliche Selbstständigkeit aufgeben und keinerlei Einfluss-möglichkeit mehr haben und nur noch Ortsteile einer Großgemeinde sind.

Wir befürworten daher eine freiwillige Zusammenarbeit in allen Bereichen, die notwendig, sinnvoll und Kosten sparen wie dies bereits seit Jahrzehnten in den Norddörfergemeinden vorbildlich und erfolgreich ohne Aufgabe der politischen Eigenständigkeit praktiziert wird.

Wenn wir die anstehenden Probleme der Zukunft lösen sollen, ist es unumgänglich und notwendig, trotz unterschiedlicher Standpunkte zu einzelnen Themen, zu einem Ergebnis zu kommen.

Nur so ist es möglich eine so überschaubare Ferieninsel für unsere Gäste und uns Sylter zu gestalten, dass wir alle zufrieden sind und allen großen Anforderungen der Zukunft gerecht werden, damit Sylt liebens- und lebenswert bleibt.

Zum Abschluss meiner Rede möchte ich den freiwilligen Feuerwehren, dem DRK, der Polizei dem Norddörfer Musikverein, dem Lehrerkollegium und den Schülern der 4. Klasse der Norddörferschule, die in diesem Jahr wieder die Biike-Puppe gebastelt haben, sowie den Mitarbeitern der Gemeinden danken. Ohne diese Mithilfe ist das Biikebrennen nicht durchzuführen.

Bevor das friesische Grußwort gesprochen wird, wünsche ich ihnen allen nun noch einen fröhlichen Abend bei Grünkohl und Musik und ein geselliges Beisammensein. Für den morgigen Petritanz wünsche ich allen Erwachsenen und Kindern ebenfalls viel Vergnügen.