Ansprache von Bürgermeister Ingbert Liebing, Morsumer Biike 2005

Willkommen zur Biike!

Jahr für Jahr wächst die Zahl derer, die zum Feuer kommen. Die Zahl derer, die hier leben, und noch mehr derjenigen, die zu diesem Ereignis auf die Insel zurückkehren oder als Gäste zu uns kommen. Willkommen Ihnen allen zur Biike!

Sie sind gekommen, um ein Stück Geschichte zu erleben. Biike ist untrennbarer Teil der Geschichte unserer Insel.

Wir knüpfen an die historischen Traditionen, allem Wandel zum Trotz. Weil gerade in einer Zeit, in der der Wandel immer schneller stattfindet, es umso wichtiger ist, Orientierungsmarken zu setzen. Das Bekenntnis zur Heimat, zur eigenen Geschichte, und zu Traditionen gehören zu den Orientierungsmarken, die Halt und Richtung geben.

Und genau das bedeutet uns das Biike-Feuer.

Das Biikefeuer weist die Richtung.

Früher wies es den Seefahrern zum Abschied die Richtung.

Heute wird in vielfältigen Reden am Feuer die Richtung aufgezeigt.

Schleswig-Holstein hat gestern über seine Richtung entschieden. Der Abend war ein Wechselbad der Gefühle, für alle. In welche Richtung es nun wirklich geht, muß sich noch herausstellen.

Unabhängig vom gestrigen Ergebnis - unsere Interessen als Insel Sylt bleiben.

Hinter uns liegt ein stürmischer Winter. Dabei wissen wir, wenn wir uns an die schrecklichen Fernsehbilder mit den Folgen des Tsunami in Südostasien erinnern, dass wir in relativer Sicherheit leben. Und dennoch führt kein Weg an der Feststellung vorbei: Unsere Insel ist noch ein Stück kleiner geworden. Gerade deshalb fordern und erwarten wir den Einsatz aller Verantwortlichen für die Sicherung unserer Küsten nach unserem Grundsatz: Kein Quadratmeter Sylt darf freiwillig aufgegeben werden. Rückdeichung wie in List geplant darf es nicht geben. "Natürliche Küstendynamik" heißt: Aufgabe des Küstenschutzes. Auch das darf es nicht geben. Wir brauchen die Sicherung des Bahndamms auf der Insel, wir brauchen die Sicherung der Salzwiesen zwischen Morsum und Archsum.

Dies ist kein Selbstzweck, sondern der Bahndamm schützt auch die Menschen, die dahinter leben, und für sie ist nichts so wichtig wie das Leben in Sicherheit vor den Gewalten des Meeres.

Vor Jahrhunderten wünschten die Friesen zur Biike, als sie die Seefahrer zum Walfang verabschiedeten, viel Glück und wünschten, das Meer möge ihnen gnädig gestimmt sein und ihnen eine sichere Heimkehr ermöglichen.

Diese Zeit ist vorbei.

Aber Biike ist heute Anlaß, daran zu erinnern, dass für die Menschen das Leben in Sicherheit das wichtigste Gebot ist. Wie seit Jahrhunderten.

Und an noch ein Interesse, das wir hier auf der Insel haben, möchte ich erinnern, das wir den Verantwortlichen - wer auch immer es in Zukunft sein mag - mitgeben:

In den Diskussionen über gemeindliche Entwicklungsvorstellungen stoßen wir immer wieder an Grenzen. Gesetze, Verordnungen, Richtlinien, Vorgaben der Landes- und Regionalplanung lassen immer weniger Spielraum für unsere eigenen Entscheidungen in unseren Dörfern. Wir fordern und erwarten den Einsatz aller Verantwortlichen für die Sicherung des Selbstbestimmungsrechtes in unserem gemeindlichen Leben.

Wir brauchen wieder Handlungs- und Gestaltungsspielraum.

Viele Menschen engagieren sich in ihren Dörfern für ihre Heimat. Morsum ist doch ein gutes Beispiel mit zahlreichen Vereinen und Organisationen, die Dorf- und Gemeinschaftsleben aktiv gestalten. Sie tun dies, weil sie in ihrem engsten Lebensumfeld ihre Vorstellungen vom Zusammenleben selbst in die Hand nehmen möchten. Und sie können dies auch am ehesten beurteilen - besser als diejenigen, die fernab Gesetze, Verordnungen und Richtlinien gestalten, die uns kaum noch Luft für eigene Entscheidungen und Gestaltungen lassen.

Eigene Entscheidungen werden wir in Morsum in diesem Jahr noch etliche zu treffen haben. Eine der wichtigsten ist die Frage nach der Zukunft des Muasem Hüs. Die wird aber nicht heute abend getroffen. Aber das Ziel ist klar: Wir wollen, dass es als dörflicher Mittelpunkt gestärkt wird.

Das soll auch heute abend so sein, und deshalb würde ich mich freuen, wenn möglichst viele von Ihnen beim anschließenden Grünkohlessen mit dabei sind.

Der Ortsbeiratsvorsitzende Hans Meinert Ingwers hat darauf hingewiesen, dass Grünkohl eigentlich gar nicht zur Biike-Tradition dazu gehört. Aber: Traditionen wandeln sich. Auch die Biike selbst hat sich gewandelt. Sie war in vorchristlicher Zeit ein heidnischer Brauch. Noch im 19. Jahrhundert hatte mancher Pastor seine Probleme mit der Biike. Biike war Gerichtstag. Biike war Abschiedsfest für die Seefahrer. Und deshalb können im Wandel der Zeit auch neue Traditionen entstehen, und der Grünkohl gehört so dazu. Lassen Sie ihn sich gut schmecken - wo auch immer.

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Erleben und Zusammensein an der Biike.