Ansprache von Bürgermeisterin Petra Reiber, Westerländer Biike 2006

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

liebe Gäste und Freunde der Biike,

wenn Gäste und Einheimische sich um die lodernden Flammen der Biike versammeln, dann vereint uns die Liebe zu dieser Insel, zu ihrem ältesten Volksbrauch und zu ihrer Tradition. Mehr als tausend Jahre alt ist der Feuerkult, zunächst Opferfeuer für heidnische Götter, dann Signalfeuer für Thingtag und Aufbruch, Fruchtbarkeitsfeuer gegen den tödlichen Winter, Abschiedsgruß für die Walfänger, später ein Zeichen für Freiheit und Frieden und heute steht das Biikebrennen für Gemeinsamkeit und Zukunft. Schon immer wurden der Biike magische Kräfte zugesprochen und tatsächlich hat man den Eindruck als beginne nach der Biike die helle und wärmere Jahreszeit. Die Feuer der Biiken auf den nordfriesischen Inseln und dem nahen Festland grüßen sich und verkünden den baldigen Beginn der Saison. Die Sylter bringen ihr Strauchwerk als Brennmaterial zum Biikeplatz, es wird aufgeräumt für den nahenden Frühling, auf den sich alle freuen, denn die Wintertage im Norden sind besonders lang und dunkel. Gott sei dank haben in diesem Winter Stürme und Schneemassen die Insel nicht heimgesucht. Sie ist von den Naturgewalten verschont geblieben. Geschont wird sie allerdings nicht von Hotelinvestoren wie wir am Beispiel des TUI Hotels in Rantum erleben durften.

Obwohl die Mehrheit der Inselbevölkerung ein Hotel der Größenordnung von 600 Betten ablehnt, gehen die Vorbereitungen zum Bau der mit Abstand größten Ferienanlage im kleinsten Dorf der Insel weiter. Zum ersten Mal in der Geschichte Sylts wird ein großer Tourismuskonzern Einfluss ausüben auf einer Insel, die bisher vom Individualtourismus geprägt war. 10 neue Hotelbauten befinden sich in Planung. In der Summe werden die Qualitäten der Insel an Gastfreundschaft, Kultur, Natur, Erholung und Erlebnisangebote durch das Wachstum in der Menge zurückgedrängt. Anonymität und Massenabfertigung sind keine Attribute, die zu Sylt passen. Ein Lichtblick für die Insel war der Abriss der Kasernenanlage in Hörnum. Ein Teil des Geländes wurde der Natur zurückgegeben. Viele Sylter konnten das kaum glauben.

Leider geht an anderen Stellen, so  für das TUI Hotel, unbebaute, geschützte Natur verloren. Es gibt bereits Warnungen von außen. Langjährige Gäste kehren Sylt den Rücken, weil die Landschaft ihrer Meinung nach zersiedelt und kaputt gebaut wird. Zu viele Menschen tummeln sich in Erholungsgebieten. Autos verstopfen in Westerland die Straßen. Kreis und Land bestimmen die touristische Entwicklung auf der Insel mit der Behauptung , nur durch zusätzliche Hotelbetten könne Sylt wettbewerbsfähig bleiben. Die Meinung der Sylter selbst scheint in dieser Wettbewerbseuphorie niemanden zu interessieren. Viele Insulaner betrachten dies mit Unbehagen und einem Gefühl der Ohnmacht.

Die Insulare Einigkeit ist viel beschworen, aber bis heute unerreicht geblieben. Das aber wäre der Schlüssel zu einer Rettung Sylts. In der Einigkeit der Sylter Kommunen läge die Kraft, einer Fremdbestimmung zu begegnen. In der Einigkeit wäre ein insulares touristisches Gesamtkonzept durchsetzbar. In der Einigkeit würden unnötige kommunale Grenzen fallen. Seit 4 Jahren arbeiten wir an einer Verwaltungsreform. Westerland und Sylt-Ost müssen nun den ersten Schritt eines Zusammenschlusses wagen. Sylt-Ost hat mit dem Angebot eines Fusionsvertrages gezeigt, dass sie bereit sind dazu. Unsere Bürger haben der Politik den Auftrag gegeben die Fusion vorzubereiten.

Nun liegt es an der Westerländer Politik mit Großmut eine kommunale Ehe einzugehen, die von gegenseitigem Geben und Nehmen geprägt ist. Jahrhunderte langes Misstrauen gegenüber dem kommunalen Partner führt uns nicht weiter. Jetzt heißt es "über den eigenen Schatten springen", also Nebenkriegsschauplätze, die uns nicht weiter bringen, getrost verlassen. Es gilt einem neuen Parlament Verantwortung zuzutrauen. Die Bürger erwarten große Schritte und kein Taktieren um den eigenen Vorteil. Es ist an der Zeit, dass die Politik den Bürgern Verhandlungsergebnisse präsentiert. Wenn es uns gelingt Westerland mit Sylt-Ost zu vereinen, werden andere Inselkommunen sich anschließen. Eine Großgemeinde Sylt wäre das Beste für die Insel.

Noch nie in der Geschichte der Westerländer Biike hat ein Sylt – Oster die friesische Ansprache gehalten. Heute ist es so weit: als Symbol unserer Aufgeschlossenheit gegenüber unserem kommunalen Partner wird heute der Keitumer Alfred Knutzen die friesische Ansprache halten. Alfred Knutzen ist 82 Jahre alt, ein Ursylter, von denen es nicht mehr viele gibt und dessen Ahnen sich bis zu dem berühmten Walfänger Lorens de Hahn zurückverfolgen lassen. Über viele Jahre hat er sich gewünscht einmal an der Westerländer Biike sprechen zu dürfen. Heute geht sein Wunsch in Erfüllung. Bevor ich Herrn Knutzen das Mikrophon übergebe, möchte ich noch all denjenigen danken, die zum Gelingen der Westerländer Biike beigetragen haben, nämlich der Freiwilligen Feuerwehr Westerland, dem Westerländer Bauhof, der Polizei, dem DRK, der Verwaltung und dem Jugendblasorchester Rödemis. Ich wünsche Ihnen allen einen gemütlich ausklingenden Abend beim Grünkohlessen.

Westerland, 21. Februar 2006