Ansprache von Lars Schmidt, Tinnumer Biike 2008

Liebe Tinnumer, Sylter und Gäste
Willkommen bei der Biike!

Wie schon seit Generationen entzünden wir Friesen auch dieses Jahr wieder überall an der Küste unsere Feuer. Früher um den Winter und die Seefahrer zu verabschieden, heute als eines der letzten lebendigen Zeichen unserer friesischen Wurzeln.

Die friesischen Traditionen zu bewahren, muss auch in Zukunft unsere Aufgabe sein. Diese regionalen Besonderheiten sind Grundlage von Heimatverbundenheit und Lebensqualität.

Durch die zunehmende Überalterung der Gesellschaft wird auch der Erhalt eines lebendigen Dorflebens zunehmend schwieriger. Es werden immer weniger Kinder auf der Insel geboren und vielfach führen Beruf oder Studium die jungen Erwachsenen später größtenteils für immer aufs Festland.

Es besteht also dringender Handlungsbedarf. Hier reicht es nicht, wenn bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird, zusätzlich müssen weiterhin ganzjährige Arbeitsplätze auch außerhalb der touristischen Berufszweige geschaffen und erhalten werden und Angebote entstehen, die den Lebensunterhalt der Familien hier auf Dauer sichern. Durch die geplanten Wohnungsbauprojekte in den Sylt-Oster Ortsteilen und den Aufbau des neuen Gewerbegebiets wurden hier schon einige Grundlagen gelegt und dieser Weg muss weiter gehen. Auch hier in Tinnum sollte neuer Dauerwohnraum geschaffen werden, dass muss ein Kernziel nach der anstehenden Kommunalwahl sein.

Wichtig ist zudem, Perspektiven für junge Menschen aufzubauen und so zum Beispiel nach der Ausbildung auf dem Festland die Rückkehr auf die Insel attraktiver zu machen. Es sollte darüber nachgedacht werden, ob eine Stiftung aufgebaut wird, die unter anderem gezielt durch Stipendien Sylter Schulabgänger motiviert, nach entsprechendem Ausbildungsgang führenden Positionen wie Tourismusdirektor oder Bürgermeister anzustreben.

Unter den verhältnismäßig Wenigen, die hier noch aktiv an der politischen und gesellschaftlichen Gestaltung mitwirken, sind Misstrauen, Neid und egoistisches Machtdenken viel zu oft vorhanden. Es geht mehr um Personen als um Sachthemen. Statt sich konstruktiv an dem Gestaltungsprozess zu beteiligen, üben sich einige nur noch in Fundamentalkritik, statt ihre Energie in aktives, positives Handeln zum Wohl der gesamten Insel umzusetzen.

Wir alle müssen wieder lernen, als WIR zu denken und zum Wohl unserer Gemeinschaft zu handeln. Denn sonst wird die Insel in nicht allzu langer Zeit nur noch eine Maske ihrer selbst sein, austauschbar mit jedem anderen Urlaubsort, leer und hohl, ohne Dorfleben, ohne Gemeinschaftsgefühl, aber erschreckend profitabel.

Es wird mit Sicherheit kein leichter Weg, es müssen grundlegende Probleme bewältigt und lange gewachsene Vorurteile überwunden werden.

Hier ist es nicht von Bedeutung, ob wir nun eine Teilfusion von Westerland und Sylt-Ost beschließen oder nicht. Solange nicht wirklich offen und ehrlich über die zukünftige Entwicklung der Insel gesprochen wird, hilft es auch nichts, wenn man in einem statt in zwei Parlamenten sitzt.

Solange die zum Teil berechtigten Ängste und negative Erfahrungen der Vergangenheit in den Köpfen sind und diese nicht vollständig auf einer vertrauensvollen Basis ausgeräumt wurden, werden die politischen Ergebnisse nicht ein Stück besser als heute. Vielmehr besteht aus meiner Sicht eine hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich die rein profitorientierten Kräfte noch mehr und schneller durchsetzten und so die Insel zunehmend an Individualität, Charakter und Menschlichkeit verliert.

Ich habe aber Hoffnung, dass wir es noch schaffen können.

Wir müssen darüber reden, und zwar miteinander und nicht übereinander!

Wir müssen miteinander reden:

über die Grenzen von Parteien, Orten und alten Feindschaften hinweg,
· für die Zukunft der Insel,
· für die Lebensqualität in den Ortsteilen
· für neue Perspektiven unserer Kinder
· und für einen nachhaltigen Tourismus, bei dem der Gast nicht nur Kunde ist, sondern Partner und Freund.

Fangen wir heute Abend damit an, beim leckeren Grünkohl miteinander zu reden über die Aufgaben der Zukunft, die eigene Lebensqualität und über traditionelle Werte wie Familie, Zusammenhalt, Gemeinschaft, Ehrlichkeit und Fairness, die wir in der heutigen Zeit so oft in den Hintergrund stellen.

Und fangen an, wieder danach zu handeln!

Dann hat dieses traditionelle friesische Fest der Biike etwas bewegt

Lassen wir das Feuer des Zusammenhalts und des Optimismus in unsere Herzen und nehmen es mit nach Hause

Gestalten wir gemeinsam die Zukunft auf unser geliebten Insel, für noch viele zukünftige Biiken und zum Wohle unserer Kinder!

In diesem Sinne wünsche ich noch viel Freude beim Blick in die Flammen, anregende Gespräche, ein genussvolles Grünkohlessen und einen guten Weg nach Hause.

Abschließen noch mein Danke an alle Helfer von Feuerwehr, den Vereinen, der Gemeinde und des Ortbeirats, ohne deren Einsatz wir diese Biike nicht durchführen könnten. Danke!