Ansprache an der Tinnumer Biike von Bürgermeister Ingbert Liebing

Heute ist wieder Biike. Wie seit Jahrhunderten versammeln sich die Menschen an der Biike, kommen zusammen, reden und feiern miteinander. Eine große Tradition auf Sylt! Für mich persönlich ist es erst die zweite Biike, die ich miterleben darf, die erste hier in Tinnum. Umso mehr freue ich mich über die Einladung des Ortsbeirates, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Über die Jahrhunderte hinweg hat die Tradition der Biike einen gewaltigen Wandel durchgemacht. Vor mehr als tausend Jahren war es ein heidnischen Opferfest. Wodan wurde gnädig gestimmt durch Feueropfer.

In christlichen Zeiten wurde die Biike der Abschied vom Winter und die Begrüßung des Frühlings. Später, als die großen Zeiten der Sylter Kapitäne und Seefahrer kamen, verabschiedeten die Frauen und Kinder ihre Männen und Väter mit der Biike. Über Jahrhunderte hinweg stand die Biike in Verbindung mit der alljährlichen Gerichtssitzung, dem Thing.

Diesen Charakter hat die Biike schon lange nicht mehr. Heute ist sie ein Nationalfest der Friesen; ein Fest, ds viele Vorzüge miteinander vereint:

  • Friesische Tradition wird bewahrt, zwar neuen Zeiten und Ansprüchen heutiger Generationen angepaßt, aber sie bietet doch eine gute Gelegenheit, sich der eigenen Geschichte, der Sagen aus alten Vorzeiten und den alten Traditionen zu erinnern. Traditionen und Bewußtsein für die eigene Geschichte sind wichtig, nur derjenige, der weiß. wo er herkommt, kann auch wissen, wo er hin soll. Und nur derjenige, der sich der eigenen Vergangenheit bewußt ist, kann auch die Zukunft erfolgreich gestalten.

  • Sylter kommen hier zusammen, hier am Feuer und anschlißend in vielen Lokalen oder zuhause mit Freunden, man spricht miteinander, tauscht sich aus, Meinungen werden gebildet über die Entwicklung der Insel und Orte. Gemeinschaften werden gefestigt und neu gebildet.

  • Sylter, die es in die Ferne verschlagen hat, kommen zum Fest in die alte Heimat zurück und erinnern sich ihrer Kindheit hier auf der Insel.

  • Und die Feuer, die heute von Ort zu Ort strahlen, sind auch ein Zeichen der Zusammengehörigkeit auf unserer Insel. Der Lichtschein, der von Biike zu Biike weitergetragen wird, möge ein Symbol für die Verbindung aller Orte und aller Menschen auf unserer Insel sein.

    Ich habe in den Monaten, in dene ich hier wirken darf, erlebt, daß dies nicht immer selbstverständlich ist. Insulare Zusammenarbeit wird gern beschworen, aber in der Praxis ist dies ein hartes Brot. Deshalb möcte ich heute, gut vier Wochen vor der Kommunalwahl, den Wunsch und die Erwartung äußern, daß sich alle Gewählten in der kommenden fünfjährigen Wahlperiode diesem Ziel der Verbesserung der insularen Zusammenarbeit verschreiben.

    Die Insel braucht auch dieses Zusammenstehen, denn es gibt viele, die uns von außen vorgeben wollen, wie wir unsere Insel gestalten dürfen. Planungsvorgaben, kiloschwere Papierstapel (Landesraumordnungsplan, Landschaftsprogramm, Ökosynthesebericht, Trilateraler Wattenmeerplan, Biotopkartierung u.a.) Dabei habe ich gerade die Erfahrung gemacht, daß die Menschen auf dieser Insel sehr wohl wissen, wie diese Insel zu gestalten ist; daß es hier auf Sylt ein viel höheres Verantwortungsbewußtsein der Menschen, eine viel größere Bereitschaft zum Einsatz für die Gemeinschaft gibt, als ich es aus Kiel oder Neumünster kenne. Das hat sicherlich etwas mit dem gesunden Selbstbewußtsein der Friesen zu tun, die ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen - getreu nach dem Motto von Pidder Lüng: Leever duad üüs Slaav. Der heutige Tag der Biike soll einmal mehr Gelegenheit bieten, auf dieses Selbstbestimmungsrecht der Insel hinzuweisen.

    Ich bin sicher, daß der Gemeinsinn, der gerade mit der Biike ausgedrückt wird, hierfür die beste Voraussetzung bietet.

    Und wenn ich sehe, wieviele Kinder heute mit dabei sind, wieviele Konfirmanden mitgeholfen haben, Weihnachtsbäume einzusammeln, dann können wir alle zuversichtlich sein, daß die hohe Tradition der Biike noch viele Jahre weit über die Insel und über das Meer hinaus leuchten wird und den Menschen ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht für eine gute Zukunft sein wird.


    Zurück zum Titel. Letztes Update: 22. Februar 1998. Kontakt: Martin Borus.